Von Herzen, aus Idlib

01.06. bis 30.06.2021 | FRIEDA 23, Friedrichstr. 23, Rostock

Die Ausstellung des Beiruter Büros der Heinrich-Böll-Stiftung zeigt Momentaufnahmen und Geschichten aus dem zerstörten Syrien. Grundlage ist das bewegende Fototagebuch des syrischen Fotografen Tim Alsiofi. In außergewöhnlichen Bildern zeigt Tim Alsiofi nicht nur die Grauen des Krieges, Zerstörung und Tod.

Seine Fotografien und Texte erzählen ebenso von der Schönheit und der Freude am Leben. Die Texte zur Ausstellung wurden von Hani Al Sawah verfasst, syrischer Rapper und Schriftsteller.

„Mit der Ausstellung wollen wir unsere Solidarität mit der syrischen Bevölkerung zum Ausdruck bringen, gegen die das Assad-Regime einen Krieg führt.“ macht Susan Schulz, geschäftsführende Bildungsreferentin der Heinrich-Böll-Stiftung MV, deutlich. Gemeinsam mit vielen Syrerinnen und Syrern, die in Mecklenburg-Vorpommern leben und um Freunde und Familie in Syrien bangen, will die Stiftung mit den Fotos an die Menschlichkeit appellieren!

Die Ausstellung kann vom 1. Juni täglich bis zum 30. Juni in der FRIEDA 23 in Rostock mit einer Negativ-Testbescheinigung und Einhaltung der Hygienevorschriften besucht werden.

Ich bin nicht auf der Suche nach Mitleid für all das, was wir bis heute durchmachen mussten – ganz im Gegenteil. Ich möchte zeigen, wie stark wir sind.
Tim Alsiofi, Fotograf


Ausstellung

Die Bilder sind der Fotoausstellung „Von Herzen, aus Idlib“ entnommen, aufgenommen von Tim Alsiofi in der Provinz Idlib und anderen Regionen in Syrien. 2018 wurden sie mit Texten von Hanial Sawah erstmals veröffentlicht.

Wir danken Tim Alsiofi für die Erlaubnis, die Bilder und Texte hier zu zeigen.

Wer unter Bomben gelaufen ist, ertrinkt nicht

Umland von Aleppo, Midanki-Stausee
Sommer 2018, Fest des Fastenbrechens

Das ist Ahmad. Er ist 24 Jahre alt und kommt aus der Ghuta. Als ich ihn fragte, wie er den Mut aufbrachte, ins Wasser zu springen, sagte er, er habe sich einfach gedacht, dass es nicht gefährlicher sein könnte, als in der Ghuta zu leben. Einen tiefen See zu durchschwimmen schien ihm weniger gefährlich als zehn Meter durch eine Straße in der Ghuta zu laufen.

Umland von Aleppo, Dorf Al-Mahabba

Umland von Aleppo, Dorf Al-Mahabba
Sommer 2018


Umm Ali besucht zum ersten Mal seit ihrer Evakuierung nach Idlib ihre Gärten. Das Olivenpflücken ist die einzige Konstante in ihrem Leben. Immer wenn ihr Dorf bombardiert wird, kommt sie hierher.

Ich habe Sham lachen sehen!

Umland von Aleppo, Midanki-Stausee
Sommer 2018, Fest des Fastenbrechens


Die kleine Sham bleibt stets in der Nähe ihres Vaters und versteckt sich unter seinem Arm, wenn sie ein Geräusch in den Bäumen hört. Zum Beispiel einen Specht.

Im Bunker hat sie jeden Tag geweint, aber heute habe ich sie lachen sehen!

Auch sie kennen Traurigkeit

Umland von Aleppo, Midanki-Stausee
Sommer 2018, Fest des Fastenbrechens


Abu Shaker und seine drei Kinder planschen im Wasser. Es ist das erste Fest zum Ende des Ramadans seit sieben Jahren, das sie ohne Krieg erleben. Sie sind draußen und genießen ein Leben ohne Belagerung. Es waren nur ein paar Stunden, aber sie waren so viel wert wie ein ganzes Leben. Wir angelten, spielten Fangen und schwammen wie Kinder und fotografierten uns gegenseitig mit unseren Handys. Es war der erste erfolgreiche Versuch, unserer ständigen Bedrücktheit zu entkommen. Shaker – der Sohn von Abu Shaker – ist zwölf Jahre alt. Er kannte nur das Leben im belagerten Ghuta und wusste bisher nicht, wie ein See aussieht. Das ist ja ein kleines Meer! Es ist so schön wie Shaker.

Keine zerborstenen Fenster, keine Angst am Horizont

Kafar al-Janna, Umland von Aleppo
Frühjahr 2018


Nach meinem Aufbruch aus dem Camp besuchte ich zum ersten Mal dieses friedliche Dorf. Man hatte das Gefühl, dass die Leute und ihre Häuser hier nie Krieg erlebt haben.

Wir gehen hier nicht weg

Ghuta, Duma, Große Moschee
Winter 2017/2018


Nach dem Giftgasbeschuss durch das Regime kam ein Team der Vereinten Nationen zu Besuch. Wir versammelten uns im Hof der zerstörten Moschee, wo die Menschen in Duma sieben Jahre zuvor zum ersten Mal zu einer Demonstration zusammengekommen waren. Wir hatten sehr bescheidene Forderungen: ein Ende der Bombardements und die Lieferung von Brot, Babymilch und medizinischen Hilfsgütern. Die „Beobachter“ sahen mit eigenen Augen die Opfer und die Granatenreste. Sie sahen die Zerstörungen und die Flugzeuge, die gerade Harasta bombardierten, und taten: nichts. Und die wenigen Hilfsgüter, die sie mitgebracht hatten, bombardierte Russland, kurz nachdem die Delegation weg war.

Eine Aufnahme, von der ich wünschte, sie nie gemacht zu haben

Ghuta, Duma – Grosse Moschee
Winter 2015, Jalaa-Straße in Duma

Ich war ihm zufällig begegnet. Ich lief mit meiner Kamera durch die Stadt, und er bat mich um ein Porträt, das er als Profilbild auf Facebook nutzen und seiner Mutter schicken könnte, damit sie sah, dass er noch „in einem Stück“ war. Ich schlug ihm als Ort für die Aufnahme die Große Moschee vor und bat ihn, sich gegenüber der Moscheemauer hinzustellen. Ich wollte ihn durch ein Fenster fotografieren. «Bist du bereit, Mahmud?», fragte ich und stellte das Objektiv ein. Dann fiel der Himmel auf uns herab. Die Explosion war ohrenbetäubend und ich hörte und sah nichts mehr. Überall war nur noch Rauch und Staub. Ich wollte, dass mein Körper sich bewegt, aber es ging nicht. Der Schock wog schwerer als das Glas, das Holz und die Gebetsbücher, die auf mir lagen. Ich wollte meine Kräfte sammeln und Mahmud suchen. Aber wie sollte er mich hören unter den hunderten Stimmen, die aus den Trümmern um Hilfe riefen?

Als sich der Staub legte, sah ich ihn einige Meter von der Stelle entfernt, wo er posiert hatte. Sein Körper war zerfetzt und leblos. War ich schuld an seinem Tod? Warum hatte ich ihn hier posieren lassen? Ich hätte ihn ja auch auf irgendeinem Schutthügel fotografieren können. Es wäre seiner Mutter doch egal gewesen, wo er steht, sie hätte den Glanz des Lebens in seinen Augen gesehen. Wie die Weißhelme Mahmuds Leiche wegtragen war das traurigste Foto, das ich je gemacht habe. Wenn der Kampfpilot doch etwas später gekommen wäre! Oder seine Tochter an jenem Tag krank geworden wäre. Dann hätte ich Mahmud noch fotografieren können, bevor ihr Vater seine Bombe auf die Große Moschee abgeworfen hätte....

Große Moschee Duma, Gesamtansicht



Winter 2015

Hinter diesen zerstörten Gebäuden liegt das Zentralgefängnis von Adra. Und links von der Stadt liegt der Berg, von dem wir beschossen werden. Die Angst schließt uns von allen Seiten ein.

Alle Wassertanks der Stadt sind leer!

Ghuta, Duma, Quwwatli-Straße
Winter 2017/2018


Erinnerung: „Hier in der Ghuta bewegen wir uns wie Skelette durch leere Städte.“ Wenn gerade keine Bomben fielen, gingen die Leute zum nächsten Brunnen, um so viel Wasser aufzufüllen, wie sie transportieren konnten.

Die Kinder der Ghuta in Idlib und in der Ghuta

Duma, vor einem Bunker
Winter 2017/2018


Nicht alle Kinder hatten das Glück, die Ghuta zu verlassen. Nachdem sie wochenlang in der Dunkelheit haben ausharren müssen, blinzeln Sarah und ihre kleine Schwester, als sie das erste Mal wieder im Sonnenlicht stehen. Vier Tage nach dieser Aufnahme starben die beiden Schwestern bei einem Luftangriff.

Umland von Idlib

Umland von Idlib
Ein Feiertag im Sommer 2018


Kinder, die in der Ghuta nicht spielen konnten, spielen in Idlib.

Ein nicht zu Ende geträumter Traum

Duma, Punkt 200
Herbst 2015


«Ich betreibe diesen Stand, um meiner Mutter und meinen Geschwistern etwas zu essen kaufen zu können. – Wovon ich träume? Vom Spielen und von der Schule. Alles, nur keine Flugzeuge», sagte er zu mir. Er träumte davon, einen einzigen Tag frei zu haben und nur zu spielen ... Später sah ich seine Leiche im Punkt 200 aufgebahrt. Punkt 200 war ein Kindergarten, bis man dort während der Belagerung Leichen ablud, bevor man sie bestattete.

Brennholz war in der Ghuta mehr wert als Gold

Ghuta, Duma, Quwatli-Straße
Winter 2017/2018


Ich rufe mir die Kinder in Duma in Erinnerung, wie sie die Überreste einer Pinie aufsammelten, die den Bomben der russischen Luftwaffe zum Opfer gefallen war. So kalt uns auch war, diesen über hundertjährigen Baum hatten wir nicht anzutasten gewagt. Nicht nur wegen seines Alters, sondern auch, weil die Pinie das Einzige war, das uns vor den Scharfschützen des Regimes am Ende der Straße geschützt hatte.

Ghuta, Duma, Quwwatli-Straße

Winter 2014


Hassans Vater ist in Haft, seine Mutter verwundet. Jetzt ist er das Familienoberhaupt und muss an einem Straßenstand Benzin verkaufen.

So erhalten wir uns Morgen für Morgen Hoffnung

Duma, Taisir-Taha-Straße, Winter 2018


Ich blicke von unserem Balkon auf das zerstörte Haus meines Nachbarn Abu Salah. Er war einkaufen gegangen, und als er zurückkam, fand er das Haus über seiner Familie zusammengestürzt. Mein Herz ertrug es nicht, wie er nach seinen Kindern rief: „Salah! Suad! Maya!“, während er versuchte, mit bloßen Händen die Trümmer wegzuräumen. Sein Sohn Salah hatte als einziger überlebt: „Ich war in der Küche und wollte mir etwas zu essen machen. Ich weiß nicht mehr, was passiert ist. Ich sah einen riesigen Feuerball und wurde ohnmächtig. Als ich wieder zu mir kam, lag ich unter Trümmern und rief nach meiner Mutter, aber sie antwortete nicht. Ich sah Sonnenstrahlen durch eine Ritze und kroch in diese Richtung, bis ich draußen war.“

Bomben zu Schaukeln

Duma, Corniche-Straße
Winter 2016

Diese Rakete fiel neben eine Schule und explodierte nicht. Sie machte den Kindern Angst, aber dann bastelten sie daraus Spielsachen.

 

rechts:
Duma, hinter der Corniche-Straße
Winter 2017

Ali, 10, in Blau – Mahmud, 12, in Rot Abu Ali bastelt seinen Kindern aus Blindgängern Spielgeräte. Die Einwohner von Duma bringen sie ihm, er entfernt den Sprengstoff und macht Schaukeln daraus. Wie kann man Menschen als Terroristen bezeichnen, die aus Bomben Schaukeln bauen?


Stimmen zur Ausstellung

Hier werden nach und nach Hörbeiträge zur Ausstellung folgen.

Dr. Bente Scheller leitet das Referat Nahost und Nordafrika in der Heinrich-Böll-Stiftung. Von 2012 bis 2019 war sie Leiterin des Auslandsbüros der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut. In dieser Zeit entstand die Idee, mit dem Fotografen Tim Alsiofi die Grauen des Krieges in Syrien und das Leben vor Ort zu dokumentieren.

Zuvor leitete sie seit 2008 das Büro in Afghanistan und arbeitete von 2002 bis 2004 als Referentin an der Deutschen Botschaft Damaskus.

Khaled Rawas stammt aus Damaskus in Syrien. Er war Teil der Revolution in Syrien, weil er sich wünschte Demokratie und Freiheit erleben zu können. Zweimal wurde er verhaftet und in syrischen Geheimdienstgefängnissen gefoltert. 2013 verließ er Syrien und lebte in verschiedenen Ländern, bevor er 2015 nach Deutschland kam. Von Beruf ist Khaled Rawas Maschinenbau-Ingenieur und arbeitet momentan in der Schiffbau-Industrie.

Im Jahre 2017 gehörte er einer kleinen Gruppe an, die eine Strafanzeige gegen eine syrische Geheimdienstabteilung, die Nr. 215, gestellt hat. Die Strafanzeige wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe erstattet.

 

Raifeh Al Masri wurde 1973 in Saudi-Arabien als Tochter einer Syrerin und eines Palästinensers geboren und wuchs in Damaskus auf. Die Diplom-Bauingenieurin und Mutter eines Sohnes kam durch ihre Eltern früh mit klassischer arabischer Literatur in Berührung. Sie veröffentlichte in Syrien einen Roman, der orientalische Märchen aufgreift (اللؤلؤ بعناقيده – etwa: »Perlentraube«), sowie einen Gedichtband.

Vor der syrischen Revolution arbeitete al-Masri für einen privaten syrischen Radiosender. Seit 2019 arbeitet sie beim Radio Lohro und seit 2020 ist sie als psychosoziale Beraterin beim Malteser Hilfsdienst e.V. tätig. Raifa al-Masri lebt seit September 2014 in Rostock und konnte ihren Sohn aus dem Kriegsgebiet nachholen.

Dr. Ahmed Maher Fakhouri wurde 1959 in Aleppo/Syrien geboren und kam 1984 in die DDR, zunächst nach Leipzig. 1985 bis 1990 studierte er an der Universität Rostock Agrarwissenschaften und promovierte. 1992 kehrte er nach Rostock zurück, um mit seiner Familie hier zu bleiben. Dr. Maher Fakhouri ist Vorsteher der Islamischen Gemeinde in Rostock und arbeitet als Koordinator des IQ Netzwerks MV. Außerdem gehört er dem Vorstand von migra e.V.an und ist Gründungsmitglied des „Deutsch-Syrischen Vereins für Entwicklungshilfe“.


An Syrien, so berichtet er, vermisst er vor allem Freund:innen und seine Familie, aber auch die schönen Straßen, Parks, Restaurants und die Atmosphäre in Aleppo und Vieles mehr. Seine Familie ist über den Globus zwischen Deutschland, Ägypten, Saudi-Arabien, Türkei, Schweden und den USA verteilt. Dr. Maher Fakhouri beklagt, dass weder von deutscher Seite noch international ein wirklicher Wille vorhanden ist, den Krieg in Syrien zu beenden. Er schildert, dass viele syrische Flüchtlinge versuchen ihrer Familie Geld zu schicken, um sie zu unterstützen. Einige tauschen sich privat miteinander aus, doch eine politische Vernetzung finde nicht statt, da viele Angst haben, durch Kritik am Assad-Regime ihre Familien in Syrien in Schwierigkeiten zu bringen. Maher Fakhouri hofft, dass die Ungerechtigkeit irgendwann endet.

Dumna wurde 1977 in der Stadt Homs in Syrien geboren und wuchs in Damaskus auf. Sie studierte Medien an der Damaskus Universität. Nachdem das Assad-Regime ihren Mann verhaftet hatte, mussten sie 2014 Syrien verlassen. Zunächst suchten sie Zuflucht in einem arabischen Nachbarland, bevor sie 2015 nach Deutschland zogen und nun in Rostock leben. Dumna berichtet, dass sie mit Liebe und Respekt empfangen wurden. Nach wie vor lernt sie die deutsche Sprache, hat auch deutsche Freunde gefunden, die sich mit ihnen um das Schicksal des syrischen Volkes sorgen.


Dumna nahm an einem Workshop und einer Freiwilligenarbeit bei einem lokalen Radio teil und arbeitet jetzt in Teilzeit im Medienbereich. Sie vermisst ihre große Familie und hofft, ihnen helfen zu können, um „da raus zukommen“. Sie denkt oft an sie, ihr Zuhause und ihre Freunde.
Dumna hofft, dass die syrische Diktatur eines Tages gemeinsam überwunden und ein freies und demokratisches Syrien aufgebaut werden kann. Ein Syrien, das alle „Syrer mit Liebe und Würde umfasst“.

 


"Für Sama"

Mo, 31. Mai, 19 Uhr | Zoom

Böll-Montagskinogespräch

Wie Tim Alsiofi mit seinen Fotografien wurde auch Waad Al-Kateab mit ihrem Film „Für Sama“ zur Dokumentaristin. Wir sprechen mit Dr. Bente Scheller, Referatsleiterin Nahost und Nordafrika der Heinrich-Böll-Stiftung, und Syrerinnen und Syrern, die heute in M-V leben, über die Ausstellung und den beeindruckenden Dokumentarfilm. Der Film ist ein Vermächtnis an Waad Al-Kateabs im Krieg geborene Tochter Sama.

Über Jahre hat die junge Frau mit ihrem Handy und ihrer Kamera zunächst die Protestbewegungen und dann den furchtbaren Krieg in Syrien dokumentiert. Neben dem Leid der Menschen findet sie inmitten der Bombardements Spuren von Freude und Lebensmut. Es ist ein Zeugnis für das Miteinander der Menschen, der mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet wurde.

Den Film- und den Zugangslink senden wir nach einer Anmeldung unter post@boell-mv.de